The new normal:
Wiedersehen hinter Plexiglas

Gut drei Monate nach dem Lockdown ist in den Einrichtungen der AWO Seniorendienste Niederrhein die „neue Normalität“ eingekehrt.

Die neue Normalität: Mit Kunststofftrennwänden, Markierungen auf dem Boden und Desinfektionsmittelspendern auf den Tischen wird sichergestellt, dass die improvisierten Besuchsräume den Hygieneanforderungen genügen.(Foto: Mike Bernig)
Die neue Normalität: Mit Kunststofftrennwänden, Markierungen auf dem Boden und Desinfektionsmittelspendern auf den Tischen wird sichergestellt, dass die improvisierten Besuchsräume den Hygieneanforderungen genügen.(Foto: Mike Bernig)

Seit dem 10. Mai sind Besuche in Alten- und Pflegeheimen in NRW wieder erlaubt. Nach fast zwei Monaten strikter Zutrittsverbote durften auch die Einrichtungen der AWO Seniorendienste Niederrhein endlich die Türen öffnen – unter strengen Auflagen. In den letzten Wochen haben alle Häuser Hygienekonzepte erstellt und die geltenden Abstandsregelungen entsprechend umgesetzt. Ein gewaltiger Mehraufwand, den die Belegschaften aber gerne auf sich nehmen, um den Bewohner*innen und ihren Angehörigen endlich das so lange erwartete Wiedersehen zu ermöglichen – wenn auch noch meist hinter Plexiglas.

Das Bild ist überall das gleiche: Ob Besuchsfenster, Zelt oder zweckentfremdeter Bereich der Cafeteria – mit Kunststofftrennwänden, Markierungen auf dem Boden und Desinfektionsmittelspendern auf den Tischen wird sichergestellt, dass die improvisierten Besuchsräume den Hygieneanforderungen genügen. Damit jeder weiß, wie er sich korrekt verhält, bedarf es vieler geduldiger Erklärungen. So auch im Willy-Könen-Seniorenzentrumin Neunkirchen-Vluyn. „Die Mitarbeiter*innen unseres Sozialen Dienstes begleiten die Besuche intensiv,“ sagt Einrichtungsleiterin Martina Giesen. „Sie erklären den Angehörigen die notwendigen Maßnahmen – angefangen beim Umgang mit Desinfektionsmitteln.“ Die Besuchskontakte beschränken sich in ihrem Haus nicht auf Termine in der Woche. Auch am Wochenende sind Angehörige nach vorheriger Anmeldung willkommen. Wie in vielen Einrichtungen werden auch im Willy-Könen-Seniorenzentrum bei schönem Wetter besonders die Außenbereiche genutzt. Dann kann es passieren, dass das Treffen musikalisch untermalt wird. Denn Live-Musik gibt es in vielen Seniorenzentren trotz Corona-Einschränkungen weiterhin regelmäßig. In Neukirchen-Vluyn spielt mittwochs immer ein Posaunenchor. Gerne vormerken dürfen sich Besucher*innen den 17. Juni: Dann findet ein kleines Konzert der Musikschule statt – selbstverständlich unter Beachtung der Auflagen für Großveranstaltungen.

Spezielle Besucherareale gibt es auch im Willi-Hartkopf-Seniorenzentrum in Remscheid – drinnen und draußen. Die Besuchszeiten sind auf eine Stunde täglich festgelegt, damit so viele Angehörige wie möglich kommen können. Bewohner*innen, die das Zimmer nicht verlassen können, dürfen übrigens auch in den eigenen vier Wänden besucht werden. „Wir müssen in kleinen Schritten wieder zur Normalität zurück. Nicht nur unseren schwer Demenzkranken haben die Besuche gefehlt, sondern uns allen. Unsere Bewohner*innen blühen wieder richtig auf und bekommen neuen Lebensmut,“ freut sich Einrichtungsleiterin Gabriela Pires-Rodrigues. Ein Stück zurückgewonnene Normalität gibt es auch beim Dienstleistungsangebot: Die Friseurin darf ihren Kund*innen wieder die Haare frisieren und die Fußpflegerin kommt auch wieder ins Haus – alles selbstverständlich unter den entsprechenden Hygieneauflagen.

Insgesamt noch etwas vorsichtig mit den Lockerungen ist man im Adam-Romboy-Seniorenzentrum. In Mönchengladbach hatte es mehrere Häuser mit Corona-Infektionen gegeben. Dank starker Einschränkungen und Besuchsverboten hat die Einrichtung es geschafft, infektionsfrei zu bleiben. Bewohner*innen und Angehörige mussten allerdings kreativ sein, um in Kontakt zu bleiben. Besonderes Glück hatten die, die ein Zimmer mit Balkon zur Straße haben. Eine Bewohnerin hat einen dicken Strick gehäkelt und eine Tüte daran befestigt, in der man Mitbringsel und kleine Aufmerksamkeiten austauschen konnte. Ansonsten gab es wie in fast allen Häusern die Möglichkeit zum Videochatten. Mittlerweile sind die strengen Regeln gelockert. Besuch von außen ist allerdings auch weiterhin nur eingeschränkt möglich. Dafür wird im Garten ein großes Musikprogramm angeboten, dass die Bewohner*innen bei schönem Wetter sehr genießen. Einige Kurse sind auch wieder angelaufen – inklusive Outdoor-Sport. Letzten Donnerstag gab es das erste gemeinsame Frühstück mit entsprechendem Abstand im Speisesaal – nach sieben Wochen. Nach und nach sollen auch die übrigen Mahlzeiten wieder dort angeboten werden.

Im benachbarten Helmuth-Kuhlen-Haus hat sich die Lage ebenfalls entspannt. Der Friseur darf auch hier wieder arbeiten. Angebote finden wieder statt – wenn auch nur in Kleingruppen und unter Einhaltung der entsprechenden Hygieneregeln. Vor allem aber können Bewohner*innen ihre Angehörigen und Freunde wiedersehen. Im Innenbereich wurden Teile der Cafeteria und des Pausenraumes von der Belegschaft hygienetechnisch umgerüstet und stehen nun für Treffen zur Verfügung – leider vorerst nur hinter Schutzscheiben. Termine können vorab telefonisch vereinbart werden. Bei schönem Wetter bieten sich zudem informelle Zusammenkünfte draußen an den beiden Toren an. Eine Bewohnerin feierte ihren Geburtstag so am Gartenzaun – mit Sekt und Kuchen. „Es ist so schön zu sehen, wie unsere Bewohner*innen nach der langen Zeit des Kontaktverbots glücklich sind, wieder mehr Normalität zu erleben,“ sagt Einrichtungsleiterin Tanja Lennartz. Die Lockerungen stellen aber auch eine gewaltige Belastung für die Belegschaft dar – im Helmuth-Kuhlen-Haus wie in allen anderen Einrichtungen der AWO Seniorendienste Niederrhein. „Es ist vieles machbar, aber nur mit zusätzlichem Aufwand und Personaleinsatz. Jetzt ist ein starkes Miteinander gefordert – und zwar bereichsübergreifend. So begleiten zum Beispiel unsere Verwaltungskolleg*innen die Bewohner*innen zu Terminen. Und die Hauswirtschaft unterstützt die Wohnbereiche, weil die Cafeteria noch geschlossen ist.“

Auch Peter Hewing, Einrichtungsleiter im Seniorenzentrum Stadt Kamp-Lintfort, sieht einen beachtlichen Mehraufwand für seine Belegschaft. Bei allen Besuchen und Spaziergängen in Begleitung der Angehörigen ist der Hol- und Bringdienst innerhalb des Hauses im Einsatz. „Bei uns geht alles über einen Aufzug. Das bedeutet im Schnitt zehn Minuten für den Hin- und zehn Minuten für den Rückweg. Bei etwa 16 Besuchen am Tag bindet das 160 Minuten Arbeitszeit. Die geht für die Betreuungsangebote auf den Etagen verloren.“ Dazu kommt – wie in allen anderen Häusern – der Organisationsaufwand: Alle Termine müssen angemeldet werden. Das macht zusätzliche Telefonate mit den Angehörigen notwendig, die auch wieder Arbeitszeit binden. „Wir investieren diese Zeit aber gerne, weil wir wissen, wie wichtig der Kontakt ist. Gleichzeitig hat der Schutz unserer Risikopatienten oberste Priorität.“

Die Einrichtungen der AWO Seniorendienste Niederrhein setzen den „Restart“ nach dem Kontaktverbot entsprechend der örtlichen Herausforderungen schrittweise um, damit Bewohner*innen und Angehörige endlich wieder Zeit miteinander verbringen können. Jeder noch so kleine Schritt bedeutet eine Rückgewinnung ihrer Autonomie und ein Stück mehr Freiheit. Es gibt aber immer auch Stimmen, die die Lockerungen kritisch sehen. Die Angst vor dem Ansteckungsrisiko bleibt. „Es ist ein ständiges Ausloten und kommunizieren der Ziele von Maßnahmen,“ sagt Normen Dorloff, Geschäftsführer der AWO Seniorendienste Niederrhein. „Wir haben in unseren Einrichtungen von Anfang an versucht, möglichst schnell zu neuen Routinen zu finden und Normalität zu schaffen. Was wir jetzt haben, ist eine neue Normalität. Aber immerhin geben wir allen Beteiligten damit die notwendige Sicherheit und Orientierung: Unseren Bewohner*innen, unseren Angehörigen und nicht zuletzt unseren Mitarbeitenden.“