Berührende Geschichten:
„Un-Wege – Erinnerungen an die Stunde Null"

Das AWO Seniorenzentrum Moers-Schwafheim lässt in einer eindrucksvollen Interviewsammlung Zeitzeuginnen des Kriegsendes zu Wort kommen.

Hildegard Filmann legte von 1945 bis 1949 7.400 Kilometer zurück – zu Fuß und im verschlossenen Viehwaggon. Helene Saccaro war 15, Vollwaise und alleine auf der Flucht. Anneliese Schmidt wurde mit gerade einmal 17 auf einem Gut unter russischer Führung dienstverpflichtet und ernährte sich ein Jahr lang von Wassersuppe. Die Familien von Margret Zeden und Charlotte Thaten mussten ihre Höfe in Pommern und Westpreußen verlassen und sich über 1.000 Kilometer entfernt eine neue Existenz aufbauen. Helga Graven und Hildegard Seifert ist ihre Heimat geblieben. Was sie dort in den (Nach-) Kriegsjahren erlebten, haben beide nie vergessen.  

Vor über einem Jahr startete das AWO Seniorenzentrums Moers-Schwafheim das Projekt „Stunde Null“. Entstanden war die Idee dazu im Rahmen der „Erinnerungswerkstatt“ von Alexandra Dzionsko-Abel. Die Mitarbeiterin des Sozialen Dienstes investiert viel Zeit in Biografiearbeit. Sieben Bewohnerinnen konnte sie für Interviews gewinnen. Die Seniorinnen erzählten ihr, wie sie die Zeit kurz vor bis wenige Jahre nach Kriegsende erlebt haben: Flucht, Vertreibung, den Weg in eine ungewisse Zukunft. Auf eine klassische Frage-Antwort-Situation wurde bewusst verzichtet. Es gab auch keine Zeitvorgaben. Manche Interviews wurden unterbrochen und an einem anderen Tag fortgesetzt. Die Porträtierten sollten in ihrem Tempo und ihren Bedürfnissen entsprechend ihre – oft sehr privaten – Erlebnisse reflektieren. 

Die Audio-Aufzeichnungen hat Alexandra Dzionsko-Abel in unzähligen Arbeitsstunden transkribiert. Entstanden ist eine Sammlung sehr bewegender Schilderungen. Die hat das Seniorenzentrum jetzt in einem eindrucksvollen Bildband veröffentlicht. Die Routen, die auf dem Weg in eine neue Heimat zurückgelegt wurden, sind auf Landkarten vermerkt. Großformatige Portraits und alte Familienfotos zeichnen ein sehr persönliches Bild der Interviewten. Die Texte wurden bewusst nicht überarbeitet. Die Authentizität war den Machern des Buches sehr wichtig. Die berührende Unmittelbarkeit der Erzählungen macht die fehlende Perfektion der sprachlichen Darstellung aber mehr als wett.  

„Un-Wege“ gibt Ereignisse aus der Sicht der Porträtierten wieder. Der Anspruch des Buches sei weder, eine historische Einordnung oder Aufarbeitung zu leisten, noch eine Bewertung vorzunehmen, betont Herausgeber Rolf Gabriel. Der Einrichtungsleiter möchte auch keine Bezüge zu aktuellen politischen Ereignissen hergestellt haben. „Wir wollten die Erinnerungen unserer Zeitzeuginnen für die Nachwelt festhalten. Denn es sind Erinnerungen an Geschichte, die sich nicht wiederholen darf.“ Die, die sie miterlebt haben, werden jeden Tag weniger. Anneliese Schmidt hat die Veröffentlichung nicht mehr erlebt. Sie ist kurz nach der Aufnahme des Interviews verstorben. „Irgendwann gibt es niemanden mehr, der von dieser Zeit erzählen kann,“ mahnt Gabriel. „Mit unserem Buch möchten wir besonders junge Menschen teilhaben lassen an den Ereignissen von damals. Wir würden uns deshalb sehr freuen, wenn „Un-Wege“ auch Einsatz in Schulen findet.“ Einigen Lehranstalten in der Umgebung will man auf jeden Fall ein Leseexemplar zukommen lassen.    

Das AWO Seniorenzentrum Moers-Schwafheim bietet „Un-Wege“ zum Selbstkostenpreis von 19,50 Euro an. Bücher können per E-Mail an un-wege@spam protectawo-niederrhein.de bestellt werden.